Einstieg in den Gebirgsflug


20 Jan
20Jan


Einführung                         

Die Grundtechniken des Segelfluges, sei es bei Platzflügen, auf Überlandflug- strecken oder beim Kunstflug, sind uns allen bekannt. Die besonderen An- forderungen, die der Gebirgssegelflug jedoch an den Piloten stellt, werden während der Ausbildung nur gestreift und müssen meist in mühsamen Erfahrungen von jedem Piloten selbst erarbeitet werden. Die in dieser Broschüre zusammengestellten Tipps und Maßnahmen sind daher vor allem für „Ge- birgsflugneulinge“ gedacht, sollen aber auch für „Experten“ neue Anregun- gen liefern. Die seit Jahren bekannten Erkenntnisse und Erfahrungen zum Gebirgssegel- flug sollen hier nicht neu erfunden, sondern zusammen gefasst und über- sichtlich dargestellt werden.           

Wo liegen die eigentlichen Hauptgefahren des Gebirgssegelfluges?                         

1. Fehlende Gebirgsflugausbildung/-einweisung
2. Unzureichende Vorbereitung
3. Unterschreitung der Mindestfluggeschwindigkeit
4. Missachten des sicheren Geländeabstandes
5. Kollision mit Hindernissen
6. Zusammenstöße in der Luft
7. Falsche Wellen- ( Föhn-) Flugtaktik
8. Unterschätzen der meteorologischen Besonderheiten 9. Probleme bei Außenlandungen 

Die nachstehenden Tipps und Hinweise zu diesen gebirgstypischen Gefahrenpunkten sollen helfen, sichere und gefahrlose Flüge im Gebirge durchzuführen.                         

2. Vorbereitung
2.1. Theoretische Kenntnisse                         

Neben dem Erfahrungsaustausch mit anderen Piloten, die schon über fun- dierte Gebirgsflugerfahrung verfügen, lohnt sich auch das Studium der ein- schlägigen Literatur (siehe Literaturliste) zum Gebirgssegelflug. Noch heute ist das bekannte Standardwerk von Jochen von Kalckreuth “Segeln über den Alpen“ ein „Muss“ bei der Vorbereitung auf einen Fliegerurlaub im Gebirge.                         Aktuelles Kartenmaterial, dazu zählen Luftfahrt-, Hindernis- sowie geeigne- te Straßenkarten sind unbedingt erforderlich. Die in vielen Gebirgsregionen erstellten Außenlandekataloge sind Bestandteil einer guten Vorbereitung. Sie schaffen damit die Basis für ein sicheres Fliegen im Gebirge. Nur derjenige, dem die Besonderheiten des Gebirgssegelfluges vertraut sind, ist in der Lage, das Risiko für sich auch zu vermindern.                         2.2. Ausrüstung des Piloten und des Segelflugzeuges                         Körperliche Fitness des Piloten und absolute Vertrautheit mit dem zu flie- genden Luftfahrzeug (Langsamflugeigenschaften/Kurzlandungen etc.) sind selbstverständliche Grundvoraussetzungen. Aber auch der Ausrüstung kommt beim Fliegen im Gebirge eine besondere Bedeutung zu.                         

Hierzu zählen z.B.:                                                 

  • Festes und warmes Schuhwerk                                                                                            
  • Lange (im Frühjahr warme) Hose    
  • Kopfbedeckung gegen intensive Sonneneinstrahlung  
  • Warme Jacke
  • Gute Sonnenbrille 
  • Trinkflasche oder Trinkbeutel
  • ELT (Crashsender)     
  • PLB
  • Notset (Survival-Kit) / Erste-Hilfe-Set am Fallschirm   

Die Mitnahme der nachfolgend abgebildeten Gegenstände eines "Survival- Kits", wie z.B. eine Kälteschutzdecke, Taschenlampe, ein Taschenmesser, Zündhölzer oder Feuerzeug, Rauchpatrone oder Signalstift, eine Trillerpfeife oder Signalspiegel, sowie Verbandszeug haben sich bewährt und können in einer Notsituation von lebensrettender Bedeutung sein.                                                                                                                     

2.3. Auswahl der Flugregion                         

Die Entscheidung, welcher Platz für ein Gebirgsfluglager ausgewählt werden soll, hängt von verschiedenen Faktoren ab und sollte genau überdacht wer- den.                         So liegen einige Startplätze direkt in hochalpinen Regionen und sind nur für gebirgskundige Piloten geeignet. Andere Plätze im flachen Terrain dagegen bieten gerade für „Gebirgsflugneulinge“ zur Eingewöhnung einfachere Ein- stiegsmöglichkeiten.                         Weitere Aspekte, wie Möglichkeiten zu doppelsitzigen Einweisungsflügen und täglichen Briefings müssen in die Vorplanung unbedingt mit einbezogen werden.                         An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, daß Gebirgsneulinge über ausrei- chende Gesamtflugerfahrung und Außenlandeerfahrung im Flachland ver- fügen sollten, bevor sie zum ersten Gebirgssegelflug starten.   

3. Eingewöhnungsphase vor Ort                        

Bei der Untersuchung von Flugunfällen im Gebirge wird immer wieder festge- stellt, daß Piloten schon kurz nach ihrer Ankunft bei den ersten Flügen ver- unglücken. Nicht nur mangelndes Vertraut sein mit den gebirgstypischen Problemen, sondern auch Faktoren, wie Übermüdung nach weiter Anreise oder fehlende Akklimatisation an das veränderte Klima haben hier als un- fallverursachende Faktoren beigetragen.                                   

Gönnen Sie sich eine ausreichende Ruhepause vor dem ersten Start - Berücksichtigen Sie Ihren aktuellen Trainingsstand, vor allem nach einer längeren Flugpause!                       

Alpenflüge sind wegen ihrer großen Höhe, heftiger Turbulenzen und Tempera- turschwankungen, starker Einstrahlung und Reizüberflutung erheblich an- strengender als Flüge im Flachland. Schon der erste Schlepp und der an- schließende Höhengewinn an einer Felswand stellt höchste Anforderungen an den Piloten. Deshalb sollten in der Eingewöhnungsphase zunächst nur kurze Flüge geplant werden.

3.1. Vertraut machen mit örtlichen Gegebenheiten und Regelungen  Bevor man zum ersten Gebirgsflug startet ist es unerlässlich, durch die Ver- antwortlichen am Platz in die speziellen örtlichen Regelungen und Besonder- heiten eingewiesen zu werden.

Ein intensives Einweisungsbriefing mit Studium der Karten, Beschreibung der Luftraumstruktur, Erörtern der möglichen Außenlandefelder, Bespre- chung der flugbetrieblichen Regelungen am Platz und sonstigen Sicherheits- hinweisen (z.B. Abmeldeverfahren) sind ein absolutes Muss. Dazu gehören auch neueste Informationen über Naturschutzgebiete, die nicht oder nur mit einem ausreichenden Abstand überflogen werden dürfen (z.B. "Parc de la Vanoise" in Frankreich). 3.2. Einweisungsflüge mit Gebirgsflugspezialisten  Nach der theoretischen Einweisung sollten, je nach Erfahrungsstand, mög- lichst mehrere Einweisungsflüge im Doppelsitzer mit einem ortsansässigen oder mit dem Fluggelände vertrauten Fluglehrer oder Einweiser absolviert werden (für die französischen Seealpen seien hier Jaques Noel in Gap, Klaus Ohlmann in Serres und das CNVV in St. Auban genannt). Bei diesen Flügen kommt vor allem den Grundtechniken des Gebirgssegel- fluges eine große Bedeutung zu. Erst intensives gemeinsames Hangflugtrai- ning schafft die Grundlage für stressfreie Alleinflüge in ähnlichen Situatio- nen. Auch das Erfliegen der verschiedenen Ab- bzw. Anflugrouten und das Lokalisieren der Außenlandefelder bringt zusätzliche Sicherheit. Ebenso sollten typische Besonderheiten des Platzrundenbetriebes, wie z.B. Anflugverfahren bei Wellenwetterlagen demonstriert werden. Auch als erfahrener Flachlandpilot sollte man jede Möglichkeit nutzen um mit erfahrenen Gebirgsflugpiloten zu trainieren. Nur das ist eine sichere Basis um mit den erworbenen Kenntnissen eigenverantwortlich weitere Erfahrungen zu sammeln.

4. Technik des Gebirgssegelfluges
4.1. Starts und Landungen auf Gebirgsflugplätzen  Nach einer gründlichen theoretischen und praktischen Einweisung steht den ersten Erkundungsflügen nichts mehr im Wege. Gerade bei den im Gebirge oftmals anzutreffenden sehr guten Wetterbedin- gungen (z.B. bei guten Wellenwetterlagen) neigen jedoch viele Piloten zu einer überstürzten Flugvorbereitung. Hier gilt es, sich nicht von der allgemeinen Hektik anstecken zu lassen und den auch sonst üblichen Vorflugkontrollen und Checks besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Auf zum Teil von unseren Verfahren abweichende Regelungen, wie z.B. in Frankreich das Ablegen der Fläche und Ausfahren der Bremsklappen beim Anschleppen, sei nur der Vollständigkeit halber hingewiesen. Das Schleppen auf einen Gebirgshang zu bedarf zunächst einiger Gewöh- nung. Hier sollte dem Schleppflugzeug am Hang unbedingt direkt gefolgt wer- den und nicht gefühlsmäßig vom Berg weg verlagert werden, um den Schlepppiloten nicht zu gefährden. Vorsicht ist geboten bei Landeanflügen unter Starkwindbedingungen. Ein deutlich überhöhtes Anfliegen der Position, eine höhere Anfluggeschwindig- keit und ein Anflugverfahren nahe am Platz sind der Garant für eine sichere Landung. 4.2. Fliegen unter Gipfelniveau  Das sichere Beherrschen der Hangflugtechniken ist eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen für den Gebirgssegelflug. Den Flachlandflieger erwar- ten dabei völlig neue Eindrücke und Erfahrungen. Gerade deshalb erfordert dieser Bereich intensives Training spezieller Techniken im Doppelsitzer. An manchen Startplätzen wird im F-Schlepp gleich an den nächsten Haus- hang geschleppt, so daß man dort nur Anschluss bekommt, wenn man den Hangflug beherrscht. Aber auch auf längeren Flügen mit guten thermischen Bedingungen wird es immer wieder passieren, daß man den nächsten Berg- zug unter Hangkantenniveau erreicht - auch hier ist es unerlässlich, diese notwendigen Fertigkeiten gelernt zu haben. Zunächst gilt es sich mit den allgemeingültigen Hangflugregeln wie: 

  • Rechte Fläche am Hang hat Vorflugrecht
  • Immer vom Berg weg kurven
  • Überholen immer nur auf der Talseite
  • Unter Hangkantenniveau möglichst nicht kreisen,

 sondern langgezogene Achten fliegen

vertraut zu machen und diese Verhaltensmaßregeln in die Praxis umzusetzen.

Der Anfänger wird sich durch die Tatsache, daß Hangflug immer Fliegen in Bodennähe bedeutet, zu Beginn etwas schwer tun. Hier sei zunächst das Problem des sich ständig verändernden Horizontbil- des angeführt. Unbewusst neigt der Gebirgsneuling oder auch ein ungeübter Pilot dazu, seine Längsneigung instinktiv an diesen Horizont anzupassen und gerät dadurch, gerade beim Eindrehen zum Hang sehr leicht in den Langsam- flugbereich. Hier hilft nur die andauernde Kontrolle der Fluggeschwindigkeit oder das Hinzuziehen anderer Bezugsflächen, wie Baum- oder Schneegrenze als Horizontersatz.

Generell gilt:  Gerade beim hangnahen Flug treten oft starke Turbulenzen auf, die mit plötzlichen Fahrtschwankungen verbunden sind. Bei ungenügender Fahrtre- serve führt dies zu einer verminderten Manövrierfähigkeit und Wendigkeit des Segelflugzeuges, im Extremfall zu einem unkontrollierten Flugzustand. Wann immer ein Pilot am Hang auch nur den geringsten Verdacht hat, nahe am Strömungsabriss zu sein, sollte der Steuerknüppel sofort nachgelassen werde, um den Anstellwinkel zu verringern. Dem sicheren Abstand zum Berg kommt eine besondere Bedeutung zu. Hier kann kein fester Wert als Mindestabstand angegeben werden, da dieser von verschiedensten Faktoren, wie z.B. Hangform, Turbulenzen, Flugzeugtyp, Er- fahrungsstand des Piloten usw. abhängt. Jeder Hang, der zum ersten Mal angeflogen wird, sollte mit respektvollem Abstand erkundet werden, bevor in „engen“ Kontakt mit ihm getreten wird. Ausreichende Fahrt - mindestens die auf dem Fahrtmes- ser mit dem gelben Dreieck gekennzeichnete Anflugge- schwindigkeit - ist lebenswichtig. 

Dieses gilt besonders bei starkem Wind und Turbulenzen. Schon kleinste Un- regelmäßigkeiten der Bodenstruktur können Wirbel auslösen und sogar dicht am Hang Abwindfelder erzeugen. Unter diesen Bedingungen ist der Einhal- tung der sicheren Hangfluggeschwindigkeit und der schnellen Reaktion auf plötzlich auftretende Fahrtschwankungen oberste Priorität einzuräumen. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, daß gerade bei dieser Art der Fliege- rei, die Kenntnisse der orografischen und meteorologischen Besonderhei- ten von immenser ja lebenswichtiger Bedeutung sind. So muss man nicht nur die Ausbildung von Aufwindzonen in Abhängigkeit von der Hangform kennen, sondern auch über die Entstehung lokaler Wind- systeme und deren Besonderheiten (z.B. die Brise in den Französischen See- alpen) genauestens informiert sein.

Selbst in den stärksten Aufwindbereichen steigend, sollte auch der Verset- zung zum Hang besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Mit leichtem Vorhaltewinkel kann in flachen Achten bis über Gipfelniveau gestiegen werden. Hierbei - vor allem wenn sich mehrere Luftfahrzeuge am Hang auf- halten - sollte die fortwährende Luftraumbeobachtung oberstes Gebot sein. Immer wieder kann man beobachten, daß sich Piloten bei Richtungsänderun- gen am Hang vornehmlich auf das Steuern des Segelflugzeuges konzentrieren, anstatt mit einem Blick über die Schulter vorher den Luftraum zu über- prüfen.

Wenn es am Hang zu einer Kollision kommt, hat meist keiner der Betei- ligten eine Überlebenschance.  Daher gilt: Luftraumbeobachtung ist lebenswichtig 

Wenn das Gipfelniveau erreicht ist, kann in die Thermik eingestiegen, oder zu den nächsterreichbaren Bergzügen vorgeflogen werden. Dabei sollten zwei weitere Grundregeln nicht außer acht gelassen werden: Grundregel eins: Ein Hang muss - vor allem bei unklaren Windverhältnissen - kurz vor dem Erreichen des Grates mit einem Winkel von maximal 45 Grad angeflogen werden, damit ein Ausweichen zum Tal jederzeit möglich ist. Es sollte mit genügend Fahrtreserve, unter besonderer Beachtung ande- rer am Hang fliegender Segelflugzeuge im vermutete Aufwindfelder eingestie- gen werden.

Diese Grundregel gilt auch für das Überqueren von Pässen und Gebirgskäm- men. Die zweite Grundregel betrifft das Befliegen von Berghängen, die nicht bis zu ihrer Spitze steil ansteigen, sondern durch markante Änderungen der Hangschräge oder Plateaus unterbrochen werden. Bevor diese Plateaus über- flogen werden können, muss eine ausreichende Sicherheitshöhe vorhanden sein, um den hier häufig auftretenden Abwindfeldern (Leewirbel) zu entgehen.

Abschließend soll auf eine weitere Gefahr beim Hangflug hingewiesen wer- den. Schon im Bereich der Flugvorbereitung wurde die Benutzung von Hin- derniskarten empfohlen. Vor allem nahe beim Startplatz liegende Hindernisse sollten bei den ortsansässigen Piloten erfragt und in die Karten eingetragen werden. Doch selbst wenn man den genauen Verlauf solcher Seilbahnen, Ü- berlandleitungen oder Materiallifte kennt, sind die dünnen Kabel beim Hang- flug oftmals schwer auszumachen.            

Das menschliche Auge nimmt zunächst nur die vordergründig sichtbaren Rei- ze auf. Das Tragseil einer Seilbahn ist zwar eindeutig auszumachen, die dün- nen, an den Maststützen befestigten Versorgungskabel sind jedoch schlecht zu erkennen und werden leicht übersehen. Die daraus resultierenden Gefah- ren kann man am sichersten ausschließen, wenn man die Mastspitzen mit deutlicher Sicherheitshöhe überfliegt. Neben den relativ gut sichtbaren Skiliften und Kabinenbahnen stellen kleine und oftmals nicht erkennbare Ma- terialseilbahnen eine weitere Gefahrenquelle dar. Sie werden oft kurzzeitig zwischen Baustellen, Almen und auch über Täler hinweg errichtet, ohne in den Hinderniskarten eingetragen zu werden. Beobachten Sie deshalb einzelne Gehöfte und entsprechende Baumaßnahmen auf den Bergen besonders aufmerksam, bevor Sie diesen Bereich überfliegen. Letztendlich sollten auch die natürlichen Hindernisse beim Streckenflug im Gebirge berücksichtigt werden.

Vorsicht beim Einflug in enger werdende Täler! 

Versuchen Sie möglichst an luvseitigen und sonnenbestrahlten Hängen, die für den Streckenflug erforderliche Höhe zu gewinnen und halten Sie sich je- derzeit eine Umkehr- oder Außenlandemöglichkeit offen.

4.3. Thermisches Fliegen im Gebirge  Meist kann im Hangflug sicher über das Gipfelniveau hinaufgestiegen wer- den. Bei entsprechendem Sonnenstand und passender Windrichtung kann nun die häufig mit dem Hangaufwind vermischte Thermik genutzt werden. Äußerste Konzentration ist hier notwendig, da die Ablösepunkte meist schwer zu lokalisieren sind und das bodennahe Kreisen besondere Aufmerksamkeit erfordert. Über Hangkanten und Berggipfeln sollten mindestens 100 m Sicherheitsab- stand im Hangflug erstiegen werden, bevor man in den Aufwind einkreist. Plötzliche Turbulenzen oder unerwartete Abwindgebiete können sonst ein Ab- drehen ins Tal schnell unmöglich machen. Besonders bei sehr steilen Hängen oder senkrechten Felswänden besteht die Gefahr aus dem engen Aufwindband herauszufallen und in das zum Teil sehr ausgeprägte Lee zu geraten.

Thermisches Fliegen im Gebirge unterscheidet sich wenig vom Fliegen im Flachland. Bei oftmals anzutreffenden Basishöhen von 3.000 - 4.000 m kann man unbeschwert zum nächsten Aufwind vorfliegen und ohne Absaufrisiko weite Gleitflugstrecken zurücklegen. Trotzdem sei an dieser Stelle auf einige gebirgstypische Merkmale der Thermik hingewiesen: 

  • Oftmals setzt die Thermik (Osthänge) oberhalb der Inversion früh ein
  • Thermik im Gebirge ist meist ruppiger, enger und stärker als im Flach-

 land 

  • Zwischen den Bärten kann großflächig starkes Fallen auftreten
  • Die Zuordnung von Aufwinden und Kumuluswolken gestaltet sich oft schwieriger

 16 • Bei Gewitter- oder Wellenlagen sind die bekannten Ablösepunkte we- nig verlässlich Hier einige Tipps, wie man den hohen Anforderungen beim thermischen Über- landflug im Gebirge richtig begegnen kann. 

  1. Das sichere Beherrschen von Steilkreisen (45 Grad Querneigung) ist Grundvoraussetzung, um die Gebirgsthermik optimal auszunutzen.
  2. Trotz großer Arbeitshöhe muss die Flugwegwahl frühzeitig unter Be- rücksichtigung von Geländeform, Sonnenstand und Hauptwindrich- tung getroffen werden.

 3.Immer eine Alternativlösung bereithalten, falls die erwartete Auf- windquelle nicht lokalisiert werden kann. 4.Unbekannte Täler oder Gebirgszüge nur überfliegen, wenn ausrei- chend Höhe gewonnen wurde, um den nächsten Aufwind sicher zu er- reichen oder eine Außenlandemöglichkeit zur Verfügung steht. 5. Wetterveränderungen oder lokale Gewitter müssen genau beobach- tet werden, da die Aufwindsysteme dann durch Windsprung oder Nie- derschlag sehr schnell zusammenbrechen können. 

  1. Trotz hoher Arbeitsbelastung muss große Aufmerksamkeit auch der - teilweise schwierigen - Navigation geschenkt werden, da ein „Verfran- zen“ schwerwiegende Folgen haben kann (z.B. Einflug in ein unland- bares Tal).
  2. Die geplanten Flugstrecken müssen dem Erfahrungs- und Leistungs- stand des Piloten angepasst sein. Schwächere Piloten sollten nicht mit Gewalt mitgezogen werden.

Die Luftraumbeobachtung hat trotz starker Arbeitsbelastung beim Gebirgssegelflug oberste Priorität! ERST RAUSSCHAUEN - DANN EINKREISEN !  Ein Tipp für die Gebirgssegelflug-Neulinge: Gerade bei den ersten Flügen empfiehlt es sich, vorsichtig vorzufliegen und zu versuchen, den größten Teil des Fluges so anzulegen, daß man deutlich über den Graten den nächsten Berg erreicht. So kann meist thermisch wieder Hö- he gewonnen werden, anstatt unter Bergniveau wieder mühsam im Hangwind beginnen zu müssen. Dennoch wird man immer wieder unfreiwillig mit der Situation konfrontiert, den nächsten Hang unterhalb des Grates zu erreichen. Nur wer den Hangflug sicher beherrscht, dies in doppelsitzigen Flügen intensiv trainiert hat, kann dann stressfrei wieder Höhe gewinnen oder auf die nächste thermische Ablö- sung warten. Auch die Einhaltung der an den französischen Plätzen üblichen 1:20 Regel (d.h. immer im Gleitwinkelbereich 1:20 zu Flugplätzen und Außenlandefel- dern – ggf. bei Segelflugzeugen der älteren Generation mit halber Gleitzahl kalkulieren) bietet eine gute Grundlage für erste sichere Alpenerkundungsflü- ge. 4.4. Wellenflug  Neben der Ausnutzung von Hangaufwinden und Thermik sind Höhenflüge in Wellensystemen ein weiterer Schwerpunkt des Fliegens im Gebirge. Bei die- sen erlebnisreichen Flügen kann man oftmals sehr eindrucksvolle und neuar- tige Erfahrungen sammeln.

Allerdings sollten Piloten, die in die Welle einsteigen wollen, auch auf die da- mit verbundenen besonderen Anforderungen eingestellt sein. Wo und wie können sich Wellen ausbilden?  Neben den zum Teil noch wenig bekannten Scherungswellen bieten die Lee- wellen hinter einem quer zur Windrichtung ausgerichtetem Gebirge meist die für den Segelflug am besten auszunutzenden Bedingungen. Klassische Südföhnlagen eignen sich besonders für das Wellenfliegen nörd- lich des Alpenhauptkammes. Es sei hier aber auch der Mistral genannt, der sich bei starker Nordströmung im Bereich der französischen Seealpen ausbil- det. Einzelne Gebirgszüge, wie z.B. die Sierra Guadarama in Spanien oder sogar der Thüringer Wald in Deutschland können Wellen auslösen, die Höhenflüge bis FL 100 und mehr möglich machen.

Gerade für den Alpenraum sei aber darauf hingewiesen, daß sich neben die- sen bekannten Wellensystemen an vielen Flugtagen auch kleinere Wellen ausbilden, welche die Flugbedingungen entscheidend beeinflussen können.                         

Die meteorologischen Grundlagen für das Entstehen einer Welle sollen nach- folgend kurz gestreift werden (siehe auch Literaturhinweise).                         

Die Luftströmung trifft gegen ein entsprechend großes Hindernis und wird gezwungen aufzusteigen. Auf der Leeseite des Gebirges entsteht ein böiger Fallwind (z.B. Föhn), der in eine wellenförmige Schwingung übergeht. Im un- teren Bereich der aufsteigenden Luftmassen bilden sich dann mächtige Roto- ren aus. Oft sind diese für den Einstieg wichtigen Bereiche bei entsprechen- der Feuchte durch Rotor-Wolken oder (darüber liegende) Lenticularis-Wolken deutlich auszumachen.    

4.5. Außenlandungen im Gebirge  

Die aufgezeigten Aufwindarten am Hang, in der Thermik und in der Welle er- möglichen phantastische Streckenflüge im Alpenraum. Doch auch im Gebirge ist eine Außenlandung manchmal unvermeidbar. Die Außenlandemöglichkeiten sind naturgemäß im Vergleich zum Flachland wesentlich eingeschränkter. Auf manchen Streckenabschnitten ist eine Au- ßenlandung gar gänzlich unmöglich. Daher sollte die Entscheidung zu einer Außenlandung wesentlich früher getroffen werden, als in flachem Gelände. Bei umsichtiger Flugweise ist oft auch einer der zahlreichen Flugplätze zu er- reichen. Neben den Flugplätzen, die natürlich am besten geeignet sind, bieten die gro- ßen Längstäler häufig noch ausreichende Landemöglichkeiten. Allerdings sind diese Täler oftmals dicht besiedelt, so daß auch Hindernisse, wie Strom- leitungen, Zäune, Gräben und Straßen in auffälliger Anhäufung zu finden sind. Vergessen Sie bei Ihrer Kartenvorbereitung nicht, die bekannten und von einheimischen Piloten empfohlenen Landeäcker in Ihre Karte aufzunehmen. Zusammen mit einem Katalog der Außenlandefelder lässt sich so ein Lande- feld schnell und genau lokalisieren. Bei Einhaltung der auch im Flachland gültigen Grundregeln sollte auch eine Außenlandung im Gebirge ohne Probleme möglich sein (siehe auch FSM 1/89 "Die Außenlandung"). Warum ereignen sich trotzdem gerade im Gebirge so häufig Unfälle bei Au- ßenlandungen? Hauptgründe sind:  

  1. Mangelnde Kenntnis der ausgewiesenen Landefelder 
  2. Zu später Entschluss zur Außenlandung 
  3. Nichteinhaltung der Landeverfahren 

 25 Deshalb sollten wir immer auf die Erfahrung der Gebirgsflug-Experten zu- rückgreifen: • Bei der Flugdurchführung immer im Gleitwinkelbereich eines Flugplatzes oder Landefeldes bleiben (Die Franzosen kalkulieren mit 1:20 oder halber Gleitzahl). 

  • Rechtzeitig den „Kampf ums Obenbleiben“ abschließen, damit genü- gend Zeit für die Außenlandung verbleibt.
  • Die Landefeldauswahl - falls nicht ausgewiesen - sollte nach bewähr- ten Kriterien erfolgen (hangaufwärts, Windrichtung, niedriger Be- wuchs, freier Anflug etc.).
  • Planung des Anfluges (besonders der Queranflug) mit derselben Prä- zision - dauernde Fahrtkontrolle - wie im Flachland ist lebenswichtig

Erwähnenswert sind an dieser Stelle auch die gebirgstypischen Besonder- heiten, die Außenlandungen in den Bergen zusätzlich erschweren können. So gestaltet sich die Bestimmung der Windrichtung aufgrund von lokalen Wind- systemen häufig sehr schwierig. Gerade bei Starkwind- oder Wellenwetterla- gen können Landungen außerhalb von Flugplätzen durch Leeverwirbelungen und Windsprünge kritisch werden.

 Das genaue Lokalisieren eines ausgewiesenen Landefeldes gestaltet sich oftmals sehr schwierig. Gerade beim tiefen, hangnahen Flug ist das Landefeld eventuell bis zuletzt hinter einer anderen Bergrippe versteckt und somit schwer zu finden. Hier ist es von Vorteil, wenn man während der doppelsitzi- gen Einweisungs- und ersten Erkundungsflüge die Außenlandefelder aus der Luft schon einmal identifiziert hat. Versuchen Sie also aufkommenden Stress im Cockpit früh genug entgegen- zuwirken. Lösen Sie sich rechtzeitig vom Hang, damit genügend Zeit für eine sichere Außenlandung verbleibt. Anschließend noch ein Hinweis, wie Sie Schlechtwettertage sinnvoll nutzen können. Fahren Sie die in der näheren Umgebung des Platzes liegenden Lan- defelder ab. Ein solches intensives Bodenstudium der Außenlandemöglich- keiten und das mentale Training der Außenlandesituation bringt zusätzliche Sicherheit für den nächsten Flug.

Zusammenfassung  Die wichtigsten, in der Broschüre beschriebenen Verhaltensmaßregeln sind nachfolgend noch einmal zusammengefasst: 1. 2. 3. 4.  a) Eine eingehende Vorbereitung und doppelsitzige Einweisungsflüge mit gebirgserfahrenen Piloten sind ein unbedingtes Muss. Erst die alpengerechte Ausrüstung von Pilot und Segelflugzeug schafft Grundvoraussetzung für sichere und stressfreie Flüge. Vor dem ersten Start - vor allem nach längerer Anreise - sollte eine ausreichende Ruhepause eingelegt werden Während des Fluges  Beim Hangflug:

􏰁 Sichere Geschwindigkeit einhalten 􏰁 Abstand zum Hang wahren

􏰁 Immer vom Hang weg kurven

􏰁 Hangflugregeln beachten 􏰁 Achtung Kabel, Augen auf ! b) c) d) In der Thermik: In der Welle: Bei Außenlandung

􏰁 Vor dem Einkreisen: Sicherheitshöhe über Hangkante beachten 􏰁 Immer eine Alternativlösung bereithalten (Stressabbau)

􏰁 Achtung Zusammenstoßgefahr !

􏰁 In Turbulenzen und Rotoren die Geschwindigkeit anpassen. 􏰁 Auf ausreichende Sauerstoffversorgung achten.

􏰁 Der Höhe angepasste Vmax unbedingt einhalten

􏰁 Rechtzeitig den Abstieg einleiten (Föhnlücke / Dämmerung)

􏰁 Landefeldorientierte Flugplanung
􏰁 Den Entschluss rechtzeitig fassen. 􏰁 Übersichtliche Landeeinteilung


Abschließend noch ein Wort zum Verhalten von Piloten gegenüber der Umwelt. Der Alpenraum wird von mehreren Millionen Menschen bewohnt und von zahllosen erholungssuchenden Touristen besucht. Jeder Pilot sollte dazu beitragen, daß wir auch in Zukunft unseren Flugsport ohne weitere Einschränkungen in den Alpen ausüben können. Meiden Sie mit motorgetriebenen Luftfahrzeugen, also auch im F-Schlepp und mit Motor- seglern längeres und zu nahes Umkreisen von Sehenswürdigkeiten, Bergsta- tionen und viel besuchten Gipfeln. Auch das bergnahe Fliegen an bekannten Kletterwänden sollte unterlassen werden. Die einmaligen Naturschönheiten der Alpenregion müssen weitgehend ge- schützt werden. Wasserballast darf nicht über Menschenansammlungen ab- gelassen werden. Von Piloten, die im Sturzflug Personen auf Gipfeln und Bergstationen anfliegen, sollten wir uns deutlich distanzieren. Nur mit Diszip- lin und Rücksichtnahme auf unsere Umwelt können wir langfristig in den Alpen fliegen. Jeder Pilot ist aufgefordert, diese über die Luftverkehrsvorschriften hinausge- henden Regeln zu beachten und zu verfeinern. Geben Sie Ihre Erfahrungen und Beobachtungen an andere Piloten weiter.

Quelle: Büro Flugsicherheit des DAeC Hermann-Blenk-Str. 28 38108 Braunschweig    

E-Mail: o.gottschalg@daec.de r.keil@daec.de    

                                            

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